09.03.2021

Krise und Transformation – Einige „Lessons to Learn“ für den Handel und die Handelslogistik

NetzwerkForum HandelsLogistik.NRW am 04.03.2021:

 

„Krise und Transformation – „Lessons to Learn“ für Handel und Handelslogistik“ war das Oberthema des diesjährigen Netzwerkforums HandelsLogistik.NRW von Kompetenznetz Logistik.NRW, Handelsverband Nordrhein-Westfalen e.V. und Verband Verkehrswirtschaft und Logistik Nordrhein-Westfalen e.V. (VVWL).

Im Fokus der Vorträge und Diskussionen auf dem Forum standen folgende Fragen: Was hat sich durch die Krise wie verändert, was wird durch die Krise „gehen“ bzw. nicht mehr wiederkommen und wie müssen sich Bereiche der Wertschöpfungsketten in Handel und Logistik anders aufstellen bzw. haben sie es schon getan? Moderiert wurde das Forum von Peter Abelmann, Manager Kompetenznetz Logistik NRW und Geschäftsführer des Log-IT-Clubs e.V. und Dr. Christoph Kösters, Manager Kompetenznetz Logistik.NRW und Hauptgeschäftsführer des VVWL. 

Einig waren sich Ralf Düster, Vize-Präsident LOG-IT Club e.V. und Vorstand der Setlog Holding AG, und Rainer Gallus, Geschäftsführer des Handelsverbandes Nordrhein-Westfalen e.V., dass die Beschlüsse von Bund und Ländern vom 03.03. für den Einzelhandel eine Katastrophe seien. Faktisch werde der Lockdown damit trotz aller theoretischen Perspektiven für die große Mehrheit der Nicht-Lebensmittelhändler bis Ende März verlängert. Die für eine Wiedereröffnung aller Geschäfte als Bedingung genannte, stabile Inzidenz von unter 50 sei auf absehbare Zeit wohl nicht flächendeckend zu erreichen. Und auch die Möglichkeiten für den Einkauf nach Terminvergabe könnten für die allermeisten Geschäfte keine wirtschaftlichen Rettungsanker sein. Zudem bestätigten selbst Analysen des RKI, dass im Handel keine großen Gefahren der Virusübertragung bestehe. Dr. Oliver Breiden, Referatsleiter Handel, Dienstleistungen und Logistikk im Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen, sieht im Zuge von Krise und Transformation spürbare Strukturwirkungen. Bei den rd. 110.000 stationären Händlern in NRW sei wohl selbst im günstigen Fall leider mit einem Rückgang der Anzahl Betriebe von 10 % rechnen. Dennoch bleibe der Einzelhandel zentrales Element der Innenstädte. Auch wenn das Land Förderprogramme für Innenstädte bereithalte, könne der Staat aber keinen innerstädtischen Handel organisieren. Man unterstütze allerdings mit verschiedenen Förderansätzen in der Transformation. Lobenswert sei hier z.B. die Zusammenarbeit mit dem Handelsverband Nordrhein-Westfalen und dessen Engagement in Bezug auf „Digital-Coaches“.

Die Corona-Krise ist nach Michael Gerling, Geschäftsführer des EHI Instituts, ein deutlicher Beschleuniger des Online-Handels, auch im Verhältnis zum stationären Handel, gewesen. 2020 sei der Online-Handel erstmals nicht nur bezogen auf das prozentuale Wachstum, sondern auch absolut der Wachstumstreiber. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes stieg sein Umsatz von 58 Mrd. € in 2019 auf 73 Mrd. € in 2020, wobei wegen der statistischen Erfassungsart von Firmen das Wachstum wahrscheinlich in Wirklichkeit noch höher war. Vermutlich mache der Online-Handel bereits rd. 17% des gesamten Handelsumsatzes von 565 Mrd. € in 2020 aus. Beim Onlinehandel gebe es eine viel höhere Konzentration als beim stationären Handel. Die „TOP10“ machten rund 50 % des Umsatzes der über 1.000 Online-Händler aus.

Besonders gelitten unter dem Corona-geprägten Jahr 2020 hätten die Einzelhandelssegmente Bekleidung, Schuhe und Lederwaren mit -23,2 % und die Warenhäuser mit -11,9 % Umsatzrückgängen gegenüber 2019. Es gelte nun mit Hochdruck an der Belebung der Innenstädte zu arbeiten. Dabei gehe es auch um Aspekte wie flexiblere Mietregelungen. Im stationären Innenstadthandel und in den Innenstädten insgesamt sei trotz zu erwartender rückläufiger Gesamtzahl mehr Vielfalt in die Innenstädte zu bringen, für attraktivere Einkaufserlebnisse mit der Möglichkeit zum „Ausprobieren“ zu sorgen und moderne Technik zu bieten. Rainer Gallus sprach in diesem Zusammenhang „Connected Retail“ als einen relativ neuen Trend im Einzelhandel an. Jeder Händler müsse sich vergegenwärtigen, dass ein gemischtes stationäres und Online-Angebot zukunftsweisend ist und auch von kleineren Händlern zu schaffen sei. Wenngleich die Kombination von stationärem und Online-Handelsangebot zukunftsträchtig sei, so Michael Gerling und auch Rainer Gallus, müsse sich aber nicht jeder kleine Nachbarschaftsladen als Online-Händler aufstellen. Entscheidend sei vielmehr eine bessere und nachhaltige Vernetzung mit seinen Kunden.

Die Handelslogistik ist seit einem Jahr in einer stressigen Situation“, fasste Ralf Düster die Lage weiter Teile der Handelslogistik zusammen. Spätestens seit dem 2. Lockdown sei in Deutschland der Textilhandel am Boden, Läger quellen über und ca. 500 Millionen Modeartikel stünden zur Entsorgung an. Wie Burkhard Lemm, Logistics und Production Manager der HKG Garment Solution mbH, erinnerte er daran, dass es sich bei Textilien allein schon wegen der vielen (im vergangenen Jahr häufig ausgefallenen) Kollektionswechsel um leichtverderbliche Güter handele. Gerade bei in die Insolvenz gegangenen Markenunternehmen stelle sich z.B. aktuelle die Frage, ob man die Marke aufgebe oder neue Wege beschreite. Interessant seien in diesem Zusammenhang Aufkäufe durch chinesische Investoren (z.B. Tom Tailor) oder Sitzverlegungen nach Hongkong (Esprit).  Insgesamt war von der Handelslogistik in den letzten Monaten und auch aktuell viel Flexibilität gefragt. Große Probleme ergäben sich durch fehlende Container, drastische Schiffsverspätungen, Auftragsverschiebungen und auch -Stornierungen. Auch die Bahn (Stichwort: neue Seidenstraße) habe Leistungsprobleme, z.B. sei es zu kompletten Zugausfällen in China gekommen und sei die Kommunikation wie das Container-Tracking hier unzureichend. Bemerkenswert seien auch die Preissprünge in den Relationen / China / Fernost – Europa. Viele Handelslogistiker, so Burkhard Lemm und Ralf Düster, hätten inzwischen erkannt, dass sich einiges ändern müsse. So sei die Transparenz in den Lieferketten noch zu verbessern, leider seien aber krisenbedingt entsprechende Investitionsbudgets aktuell eher rückläufig. Zudem sei ein Umdenken hinsichtlich des Einsatzes CO2-mindernder Transporttechnologien erforderlich, sowohl in der Schifffahrt als auch bei Landverkehrsträgern und auf der „letzten Meile“. Diskutiert wurde auch, ob es im Zuge des Trends zu immer kurzfristigeren Ordermöglichkeiten oder von Resilienz-Überlegungen wieder zu Produktionsrückverlagerungen in den Raum Europa / Umland kommen wird.

Danilo Georg, Director Operations und Business Developmanager Fashion bei BLG Handelslogistik GmbH & Co. KG, sieht für Handelslogistik-Dienstleiser bereits jetzt aufgrund der Entwicklungen im Handel einen Trend zu „mehrkanalfähigen“, multifunktionalen Logistikstandorten. Es gelte zunehmend Lösungen mit insgesamt geringeren Gesamtvolumina und kleineren Losgrößen aber auch höheren Lieferfrequenzen abzubilden. Die aktuell vollen Läger, z.B. im Bekleidungssektor, schafften mehr Probleme als zusätzliche Einnahmen, da man kaum noch Bewegung und Bewegungsmöglichkeiten habe.

Eine ganz andere Welt eröffnet sich derzeit für Manuel Stellmann, Mitgründer von Picnic Deutschland GmbH, einem Online-Lebensmittelhandelsunternehmen mit Standorten in NRW. So sei das Jahr 2020 aber auch die aktuelle Zeit von einem deutlichen Wachstum der Nachfrage gekennzeichnet und man habe die Herausforderung, die Kapazitäten „auf die Straße“ zu bringen. Hinderlich seien hier z.B. für den Aufbau von weiteren regionalen Versorgungs-Hubs die baubürokratischen Auflagen. Man sehe sich im Unterschied zu den im Forum besprochenen anderen Handelssegmenten auch nicht in der Notwendigkeit von Transformation, man sei vielmehr selbst ein innovativer Disruptor in Bezug auf Supermärkte / Lebensmittelversorgung.