NetzwerkForum HandelsLogistik: Fachkräfte-Strategien und Automatisierung in Handel und Logistik

Hamm, 27. Februar 2019: Das Kompetenznetz Logistik.NRW, der Handelsverband NRW e.V. und der Verband Verkehrswirtschaft und Logistik NRW e.V. (VVWL) luden am 27. Februar 2019 zum zehnten Mal zum NetzwerkForum HandelsLogistik (ehemals BranchenForum) ein. Veranstaltungsort des vom Ministerium für Wirtschaft, Innovation und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen unterstützten Forums war das Heinrich-von-Kleist-Forum in Hamm/Westfalen. Frank Oelschläger, Managing Director Gilog Gesellschaft für innovative Logistik mbH, begrüßte Entscheider aus allen Bereichen entlang der Lieferkette der Handelslogistik und sprach dabei insbesondere die Demografie als einen der Megatrends an. Dabei würde sich nicht nur die Bevölkerungspyramide hin zu einer älteren Gesellschaft wandeln, vielmehr würden sich auch Einkaufsgewohnheiten verändern. So sei der Onlinehandel mittlerweile auf elf Prozent des Umsatzes des Handels angewachsen. Bezüglich der anhaltenden Diesel-Diskussion merkte Frank Oelschläger an, dass auch zukünftig nicht alles per Lastenrad oder Drohne zugestellt werden kann.

Ministerialrat Dr. Peter Scholz, Referatsleiter Handel, Dienstleistungen und Logistik im Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen hob hervor, dass der Fachkräftemangel bei Weitem nicht nur auf den Beruf des Kraftfahrers zutreffen würde. Vielmehr würden der Logistik in allen Bereichen nicht ausreichend Fachkräfte zur Verfügung stehen, auch im IT-Bereich. Dadurch würde jedoch die Digitalisierung einfacherer Prozesse verzögert, so dass Menschen sich weiterhin damit befassen und andere, etwa höher qualifizierte Arbeiten übernehmen könnten. Um dies zu beschleunigen, fördere das Land NRW verstärkt digitale Themen.

In weiteren Grußworten hob zunächst Dr. Karl-Georg Steffens, Geschäftsführer Wirtschaftsförderungsgesellschaft Hamm mbH die trimodale Anbindung der Stadt Hamm hervor und betonte die Bedeutung der Logistik. Prof. Dr. Gerd Wintermeyer, Prodekan Fachbereich 'Technik und Wirtschaft, Professor für Technische Logistik, SRH Hochschule für Logistik und Wirtschaft Hamm berichtete, dass die SRH 2005 die erste deutsche Logistikhochschule gegründet habe und heute neben dem Präsenz- auch ein Duales Studium sowie berufsbegleitende als auch Fernstudien anbiete.

Dr. Thomas Ruthekolck, Operations Director Europe, AO Deutschland Ltd. berichtete über Personal- und Fachkräfte-Strategien im digitalen Handel. Die britische AO ist einer der großen Online-Händler für Haushaltsgeräte, seit Oktober 2014 auch in Deutschland. Als Besonderheit des Online-Handels sei der Auslieferfahrer nicht nur der erste persönliche Kontakt des Kunden zum Unternehmen, vielmehr würde der Kunde den Mitarbeiter sogar in sein Heim und somit tief in seine Privatsphäre hinein lassen, so dass auf dessen Service-Qualität und Auftreten besonderen Wert gelegt würde. Nicht zuletzt um saisonale Schwankungen auszugleichen könne die Auslieferung nicht nur durch eigene Mitarbeiter gewährleistet werden. Um auch Subunternehmer auf das gleiche Serviceniveau zu bringen sei es unabdingbar, Prozessstandards zu definieren und regelmäßig die Kundenzufriedenheit zu überwachen. Aufgrund des schnellen Wachstums des Unternehmens sei schon früh ein besonderer Fokus auf Mitarbeitergewinnung und -Bindung gesetzt worden. Zur möglichst frühen Ansprache neuer Kräfte wurden unter anderem Kooperationen mit Hochschulen geschlossen und zur Bindung sehr auf eine positive Arbeitsatmosphäre im Unternehmen geachtet, wozu auch Events und Freizeitaktivitäten veranstaltet würden.

Markus Walke, Director Business Organisation D A CH, DSV Road GmbH, betonte, dass der Fachkräftemangel nicht nur auf die Logistikbranche beschränkt sei, sondern schon lange ganz andere Bereiche des Arbeitsmarktes erreicht hätte. Fliesenleger, Elektriker, nicht zuletzt Taxiunternehmen und der öffentliche Nahverkehr würden die gleichen Arbeitskräfte anwerben. Führt dann die stetige Staulage und die oftmals unbefriedigende Situation an den Laderampen zu Frust, steige die Gefahr, dass Kraftfahrer in einen anderen Beruf wechseln. Um dem Mangel entgegen zu wirken forderte er die Verbände und auch Marktbegleiter auf, verstärkt Werbung für die mannigfaltigen Berufe in der Logistik zu machen. Zur Mitarbeiterbindung gehöre es heute auch Fitness- und Freizeitangebote sowie moderne Arbeitsplätze zu schaffen, einen Wechsel ins Ausland zu ermöglichen und relevante Projekte im Personal vorab zu kommunizieren. So könne dadurch beispielsweise erreicht werden, dass Robotics und Digitalisierung weniger als Bedrohung empfunden sondern vielmehr als Chance verstanden würden, von schlechter qualifizierten Jobs zu höherwertigeren Tätigkeiten wechseln zu können und Entwicklungsmöglichkeiten zu haben.

  • Die Datenbrille ist die Zukunft – dachten wir

Gerhard Kunkel, Bereichsleiter Outbound Logistics, Fressnapf Logistik GmbH, berichtete über ein firmeneigenes Digitalisierungsprojekt, der Implementierung eines neuen Kommissioniersystems. Das alte System war trotz elektronischer Pickliste nicht zuletzt aufgrund vieler Laufwege an den Grenzen der Leistungsfähigkeit angekommen. „Fast wären wir dem Trend der Datenbrille hinterhergelaufen. Kommissionieranweisungen und Arbeitssicherheitsmaßnahmen jedem Mitarbeiter direkt auf die Brille zu senden erschien als klar definierte Zukunft der Logistik – wir wurden eines Besseren belehrt“, erläuterte Gerhard Kunkel. Trotz anfänglicher Euphorie für Pick by Vision testete das Unternehmen alle alternativen Picksysteme, darunter Fingerscanner, Smartphone gestützte Anwendungen und nicht zuletzt entgegen aller Vorbehalte auch Pick by Voice. Doch gerade letzteres System erwies sich als überlegen, da es bei kurzer Amortisationszeit und geringerer Fehlerquote eine deutliche Leistungssteigerung lieferte. Die Datenbrille hingegen hatte nicht nur eine deutlich längere Amortisationszeit, sie verursachte schon nach einer Tragezeit von rund zwei Stunden bei zahlreichen Kommissionierern Kopfschmerzen. Gerhard Kunkel schließt aber nicht aus, dass Datenbrillen in Zukunft wieder ein Thema für sein Unternehmen werden. Die Integration der Mitarbeiter im Entscheidungsprozess und die „Einfachheit” von Projekt und Lösungen seien Erfolgsgaranten für Digitalisierungsprojekte. Auch in Zukunft werde nicht alles „ohne Menschen“ gemacht werden können. In diesem Zusammenhang hat Gerhard Kunkel das Zukunftsbild von Kommissioniergeräten, die vor oder hinter einer sich im Lager befindlichen Person Tätigkeiten verrichten.

Unter Moderation von Peter Abelmann, Manager Kompetenznetz Logistik.NRW /Prokurist SCI Verkehr GmbH diskutierten anschließend Dr. Thomas Ruthekolck, Gerhard Kunkel und Markus Walke über Chancen und Grenzen durch Innovation und Fachkräfte. Als wichtige Innovation beschrieb Dr. Ruthekolck die Einführung von Tourenplanungssoftware: „Eine Maschine kombiniert völlig anders als ein Mensch. Kommen neben der Streckenplanung noch Zeitfenster und Mitarbeiterqualifikationen, wie bespielsweise Installation von Herdplatten an Hochspannung, hinzu, wird die Disposition für einen Menschen kaum noch händelbar“, berichtete er über die Besonderheiten beim Online-Handel von Weißer Ware und Unterhaltungselektronik. Mit einem Augenzwinkern merkte Markus Walke an, dass es schon eine große Innovation sei, wenn alle Kunden via DFÜ angeschlossen wären. Er betonte, dass sein Unternehmen zur Entlastung von Infrastruktur und Umwelt und nicht zuletzt auch zur Minderung des Fahrermangels gerne auf Lang-Lkw setzen würde, was jedoch im grenzüberschreitenden Verkehr nicht erlaubt sei. Wichtig sei es bei allen Innovationsprojekten die Mitarbeiter zu fragen, was wirklichen Nutzen bringen könnte. Dem pflichtete Gerhard Kunkel bei: „Es ist unsere Pflicht, den bestehenden Mitarbeitern das Arbeiten so angenehm wie möglich zu machen. Wegen Pick-by-voice kommt niemand zu uns – aber sie bleiben deswegen“. Innovationen müssen aber auch darauf zielen, dass Berufe attraktiver würden. „Wir denken nicht nur darüber nach, wie wir Wartezeiten der Fahrer verkürzen, sondern auch verbessern können. Ein Gedanke ist, dem Fahrer ein Pad mit einem Videostreaming-Dienst anzubieten“, erläuterte er. Ein weiterer Schritt sei es, wo möglich Homeoffice anzubieten, da dies besonders für junge Familien eine besondere Bindung zum Unternehmen schaffen würde. Markus Walke sprach auch die gesellschaftliche Akzeptanz von Innovationen an. „Kaum wahrscheinlich, dass wir dauerhaft sonntags durch Heere von Paket-Robotern hindurch spazieren und hunderte von Paketdrohnen über jeder Stadt schwirren hören wollen“, zeigte er die Grenzen der Digitalisierung auf. Zum Thema Mitarbeitergewinnung forderte er, früher in die Schulen zu gehen, da die Jugend bereits in der 9. Klasse ihre Interessen für bestimmte Berufe festigte. Dort gewonnene Praktikanten seien die Azubis von morgen. Gerhard Walke merkte an, dass bei der Ausschreibung offener Stellen auch neue Wege zu gehen seien. „Für die Digital Natives brauche ich keine Print-Inserate mehr. Da sind wir als Branche noch recht weit zurück. Am liebsten hätte ich für solche Prozesse einen 17-jährigen Berater“, führte er an.

In seinem Schlusswort betonte Dr. Christoph Kösters, Manager Kompetenznetz Logistik.NRW /Hauptgeschäftsführer Verband Verkehrswirtschaftund Logistik Nordrhein-Westfalen e.V. (VVWL) zwar die herausragende Wichtigkeit der Digitalisierung, mahnte jedoch, dass auch in Zukunft Menschen eine Rolle spielten und Mitarbeiterbindung und neue Strategien zu Mitarbeitergewinnung weiterhin sehr wichtig bleiben. „Beim Glauben, allein mit Digitalisierung alle demographischen Probleme lösen zu können, werden wir heute bereits eines Besseren belehrt“, schloss er.

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